Revolution und Verkehrskreisel

Boa tarde, O povo é quem mais ordena.

Svenni, endlich in Portugal, wartet auf die Mautregistrierung,

Mir sei es erlaubt, Arbeiterlieder mit Revolutionsvergangenheit zu summen, Denn meine Arbeit habe ich die letzen drei Tage vollbracht. Sagen wir so, wir haben Kilometer abgerissen.

Vor drei Tagen sind wir in Bilbao gestartet. Kulturstadt, Guggenheimmuseum, Strand. Ach Quatsch, nicht in diesem Urlaub. Waschsalon, Supermarkt und das Dorf am Campingplatz waren für die drei vollkommen ausreichend. Und dann ganz unvermittelt das Signal: Planänderung, nicht weiter an der nordspanischen Küste durch Kurven und über Berge, nix mit Kultur: Wir fahren jetzt nach Portugal. Und das auf dem schnellsten Weg. Also habe ich mich hochgequält auf das spanische Hochland, durfte in Burgos kurz verschnaufen und dann ging es Kilometer für Kilometer quer durchs Land.  Was dem Ungarn die Puzta ist den Spaniern die Mancha. Nichts als gelb blühende Sträucher und Land, Land, weites Land. Und nur weil die drei mal austreten mussten, durfte ich an der Dorfkirche von Castrillo de la Guarena mal so richtige spanische Landluft schnuppern. Im absoluten Nichts riecht es übrigens wie in Oberbayern: Nach Gülle.

Castrillo, Zentrum.
Spanische Dorfidylle.

Auch schön war Ciudad Rodrigo, ganz kurz vor der portugiesischen Grenze. Eine wunderschöne Festungsstadt. Aber auch hier durfte ich mir nur eine Nacht die Festungsmauern von aussen ansehen. Weiter musste es gehen, wir waren ja kurz vor Portugal.

Dort bin ich übrigens nun registriert: Der Typ meinte ja, dass er mit meinem kleinen Fiat-Brüdern es nie geschafft hatte, diese komische Fotomaut zu bezahlen, für die man auf der Autobahn ständig fotografiert wird. Das ist schön anstrengend, wenn man immer sein schönstes Lächeln aufsetzen muss, weil ständig diese Fotobrücken unterfahren werden.. Für mich hat er aber tatsächlich angehalten und nun darf ich ganz legal hier über die Autobahn pesen. Und das macht Spaß! Nicht nur, weil es nun endlich aus dem Hochland steil bergab Richtung Küste geht, sondern auch, weil die Stimmung bei den dreien mit jedem Meter in Portugal besser wurde. Und so waren wir ratzfatz in Aveiro. Dank des elefantösen Gedächtnisses, nicht meines, sondern des meines Fahrers, haben wir sofort einen Parkplatz direkt an der Innenstadt gefunden, und die drei sind erstmal losgezogen. Nicht wegen der Kultur, wegen des Einkaufens. Egal, ich hab ja genug Platz. Und weil der Kleine dann irgandwann nicht mehr wollte, durfte ich ihn sogar in der Innenstadt abholen und dabei einen ganzen Verkahrskreisel blockieren. Aber die Portugiesen sind nett. Die warten, bis er in seinem Sitz festgeschnallt ist, die Mama und der Kinderwagen auch wieder an Bord sind, uns lassen einen dann auch noch rückwärts in den Kreisel wieder ausparken. Tolle Autofahrer, nette Leute. Ich denke, der Stau hat sich mittlerweile auch wieder aufgelöst, also war’s sicher nicht so schlimm.

Svenni weiss glücklicherweise nicht, dass es vor einer stillgelegten Maschinenfabrik steht. Seine Machine läuft einwandfrei.
Parken in Aveirp. 24 Stunden, 1 Euro. Vorbildhaft.

Und nun bin ich müde, nach der vielen Fahrerei und stehe auf einer Halbinsel vor Aveiro und lausche dem Wellenschlag des Atlantiks. Und dem Schnarchen von den Dreien.

Boa noite, bis bald,
euer Svenni.

 

Ein erstes kleines Zwischenfazit vom Papa

Guude, hier ist mal der Papa. Svenni stellt mir freundlicherweise Platz in seinem Blog zur Verfügung.

Wir haben nun ziemlich genau 14 Tage hinter uns, die ersten zwei Wochen von angestrebten 16 oder mehr. Bei einem normalen Urlaub wäre das Bergfest oder so. Vom Gefühl her, sind wir noch gar nicht richtig losgefahren oder gar im Abenteuer Elternzeitreise angekommen. Zumindest bis wir aus Frankreich raus waren, erschien mir das so.

Dass die ersten Tage anstrengend waren, lag zum einen daran, dass wir zu viele Kilometer gemacht haben. Wir sind fast jeden Tag weitergefahren, d.h. Svenni einpacken, fahren, Pause, fahren, Pause, Campingplatz suchen (wir benutzen bisher immer die ADAC-Camping-App, und die Beschreibungen waren immer korrekt), Svenni auspacken. Essen machen, Fläschen spülen und auskochen, und und und. Und das, wo die Abläufe noch nicht eingespielt sind, die Sachen im Bus noch nicht ihren Platz gefunden haben (C. nennt das „Chaos“, für mich ist es kreative Ordnung – wer meinen Schreibtisch kennt, weiss, was ich meine) und der total nervende Regen in Frankreich war auch nicht gerade hilfreich war. Den Rest haben uns die Mücken an der Loire gegeben. Wir, die die letzten Jahre immer „Kultururlaube“ mit endlosen Besichtigungen gemacht haben, sind durch das Loiretal gefahren, ohne ein einzige Schloss zu besichtigen. Nur ein zweistündiger Spaziergang in einer der alten Städte, deren Namen ich auch schon wieder vergessen habe, war drin.

Aber dennoch sind wir langsam unterwegs. Wenn wir bisher nach Portugal gefahren sind, dann immer in einer Etappe bis Bordeaux und am zweiten Tag bis Portugal. Egal ob mit dem großen 500er oder der Barchetta. Nun haben wir ungefähr 10 Tage bis Bordeaux gebraucht. Diese Langsamkeit, die wir uns zeitlich gesehen ja absolut leisten können, weil wir keinerlei Druck haben, irgendeines der Zwischenziele in Portugal, auf Sardinien und in Rom zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erreichen, und da das Ende der Reise zunächst auch mal nur dadurch bestimmt ist, dass es warm genug für das Leben im Bus ist, ist ungewohnt. Dies zu Akzeptieren, ist Teil des Ankommens in der Reise.

Uneingeschränkt positiv ist, wie W. das Reisen und Leben unterwegs bislang angenommen hat. Er passt sich unserem Rhythmus an, schläft meist während wir fahren (und wir fahren, wenn er schläft) und bestimmt natürlich Pausen und das Besichtigungsprogramm. Ansonsten ist er fast immer fröhlich, sehr an der Umgebung, den neuen Eindrücken und auch besonders den anderen Kindern auf den Campingplätzen interessiert. Eigentlich lacht er jedes und jeden an, den er in den Blick bekommt. Auch das Einschlafen abends – natürlich später als zu Hause, es wir ja auch spät dunkel -, das Schlafen im Bus und das Essen funktionieren gut und meist ohne Geschrei und Genöle. Hier tritt glücklicherweise das ein, was ich erwartet und erhofft hatte: Er geniest es, mit uns zusammen und unterwegs zu sein, und so lohnt sich das Ganze auch trotz der temporären Stressphasen (Kind hat Hunger, Papa verfährt sich und findet keinen Parkplatz und Mama findet nichts im Chaos).

Überhaupt sind wir auch beim Essen viel relaxter geworden. Wir selbst kommen eh kaum dazu, meist wird abends nur schnell was auf dem Gaskocher gekocht, oder es gibt Brot mit was drauf. Essen gehen schaffen wir nur ab und an am Camping-Platz, wobei das Programm dort selten über Burger und Pizza hinausgeht. Absolute Ausnahme war das Campingplatz-Restaurant in Zaraust (Spanien), mit einem leckeren Menü zu einem fairen Preis.

Aber auch Ws. Essen hat sich der Situation und des Alters gemäß (er ist nun wirklich 6 Monate alt) verändert. Mittags gibt es nun (fast) immer Brei, wir halten dann an einer Raststätte mit Mikrowelle oder machen ihn mit dem Gaskocher im Bus im Wasserbad warm. Nach 2-3 Zwischendurchfläschen gab es heute zum ersten Mal einen Abendbreit aus Getreideflocken und Banane. War wohl lecker, das Kind zufrieden. In Deutschland haben wir zwar nicht ausschließlich Bio, aber „sortenreine“ Gläschen ohne Zusätze gegeben. Hier in Spanien gibt es fast nur komplette Gerichte püriert und ins Glas gepackt, mit vollem Programm, Beilagen, Zwiebeln, Fisch, Fleisch. Egal, das Kind isst es, scheint zu schmecken. Und als das deutsche Milchpulver alle war, standen wir in Frankreich vom Supermarktregal und haben versucht zu verstehen, wie sich die Produkte unterscheiden. Bis zu dem Punkt; Egal, irgendeine 2er-Milch und rein damit. Scheint zu schmecken, also alles ok. Als nächsten Projekt steht nun das Selberkochen des Mittagsbrei an, sobald wir gutes Bio-Gemüse finden, probieren wir das mit den verfügbaren Mitteln aus.

Mittlerweile haben wir das Tempo deutlich reduziert. Schon am Cap de L’Homy, dem ersten Stopp nach Bordeaux an der französischen Atlantikküste, haben wir drei Tage verbracht, waren das erste mal am Strand und haben die ersten lockeren Kontakte zu anderen Camping-Familien geknüpft. Auch beim nächsten Stopp in Zaraust, dem ersten in Spanien sind wir zwei Tage geblieben und haben und das Städtchen abgeschaut. Doof nur, dass der Campingplatz oben auf dem Berg liegt und Sonntags kein Bus hochfährt.

Nun stehen wir bei Bilbao und lassen es weiter langsam angehen. Für den ersten, für morgen angekündigten richtigen Sonnentage haben wir uns Strand und einmal den Svenni komplett ausräumen, saubermachen und in irgendeiner Ordnung wieder einräumen vorgenommen. Und übermorgen dann das Guggenheim-Museum und Bilbao, solange W. Spaß und Freude daran hat.

Soweit,
Christian

 

 

Feierabendverkehr und Hängemattenunfall.

Bon soir, c’est Svenni.

Eine Urlaubsreise nennen die das. Wie kommt man dann auf die bekloppte Idee, im Feierabendverkehr nach Bordeaux reinzufahren und zu meinen, man würde da einfach mal so ein Hotel finden, bei dem es auch genug Platz für mich gibt? Schnapsidee, es mag ja sein, dass es da an jeder Autobahnausfahrt Hotels mit ganz tollen Parkplätzen für Schiffe wie mich gibt. Aber Zimmer für die beiden und den Kleinen – Fehlanzeige. Natürlich alles ausgebucht. Da hätten die sich halt mal frühzeitig drum kümmern müssen, die beiden Reisespezialisten. Nun ja, nach ner guten Stunde rumgurken in den Suburbs von Bordeaux bei strömenden Regen und Dauerstau hab ich dann noch ein Plätzchen für mich und die drei gefunden. Direkt an der Autobahn und am McDonalds. So kommt der Kleine auch zu seinem ersten McDoof-Besuch zum Abendessen. Bon Appetit!

Auch lecker sah der Baguette-Automat aus, bei dem wir Rast gemacht hatten. Tiefstes Frankreich zwischen La Rochelle und Bordeaux, aber super Infrastruktur. Neben dem Baguette-Automaten war eine überdachte Markthalle, vor der ich stehen durfte. Ein paar Holzbalken weniger, und ich hätte reinfahren können. Während wir da standen und frühstückten haben tatsächlich zwei Leute ihre Brotstangen aus dem Automaten geholt. Obwohl die Bäckerei daneben offen hatte. Verstehe mal einer die Gallier. Grand Gourmet.

Svenni vor der Markthalle in Avrilé…
… und gleich daneben das Baguette-Automat.

Mittlerweile hat es nun zum Glück aufgehört zu regnen und ich stehe im lichten Pinienhain direkt an so einem Sandberg. Die nennen das Düne und gehen da drüber an den Strand. Stundenlang heute. Aber das scheint Mentalitätsdoping für alle zu sein, nun ist es hier schon ziemlich entspannt. Sogar der Kleine schläft tief und fest, so ein Strandtag scheint ziemlich ermüdend zu sein. Das Schöne ist, dass wir hier schon zwei Tage sind und noch einen bleiben. Der Typ meint, er könne meine links neben dem Fahrersitz liegende Handbremse momentan nicht bedienen. Ich hab das ja nur aus dem Aussenspiegel gesehen. Da hängt er so ein Tuch zwischen zwei diese Pinien auf und will sich reinlegen. Das muss was sehr Lustiges sein, weil die andere dann ganz lange und laut lachen musste, während der Typ auf dem Boden lag, keinen Mucks mehr machte und nicht mehr aufstehen konnte. Da ist dieses Hängetuch doch tatsächlich vom Baum abgefallen und der Typ auf seine Hand gefallen. Verstaucht haben die das genannt, das muss wohl so was wie ein Vorderachsenbruch sein. Ziemlich unangenehm, aber die Lösung heisst offenbar Voltaren und noch zwei Tage stehen.

 

Die Drei am Strand von Cap de L’Homy.
Und hinter der Düne steht Svenni.

l

 

Kinnerschees und Zeitreise.

Ey, ich hab die Pusteln im Gesicht.
Dass es am Rhein ganz schön ist, und es auch Schnaken gibt, das weiss ich ja schon. Wohne ja jetzt am schönen Rhein im nicht ganz so schönen Mainz. Die wollen Diesel wie mich verbieten. Pfui, Banausen!
Aber ich schweife ab. Seit drei Tagen stehe, und manchmal auch fahre, ich an der Loire. In Frankreich ist das, mittendrin. Und hier gibt es Mücken, das glaubt ihr nicht. Ich hab ja ein dickes Fell, aber die beiden sind dauernd völlig zerstochen. Das scheint ziemlich unangenehm zu sein. Die hüpfen sogar mitten in der Nacht mit der Fliegenklatsche in mir rum, dass mir die Blattfedern quietschen. Und als am Lac du Der so ne Hornisse in mich reingeflogen ist, war die Luft dicke. Und das Vieh dann irgendwann in ner Plastikflasche, mit ganz dünner Luft.
Aber das beste ist: Ich bin wieder Kinnerschees! Ja, das ist toll. Haben die beiden doch tatsächlich, als ich im Winterquartier im kalten Saarland stand, so einen süssen kleinen Knuddelpups bekommen. Hach, ist das schön, wieder Lachen im Bauch zu haben. W. heisst der Kleine. Wie Wonneproppen.
Soweit ich das verstanden habe, wollen die drei nun mit mir eine Zeitreise machen. Ich hör immer nur Elternzeit, und die scheint ganz schön lange zu sein. So ganz bekomm ich das noch nicht zusammen, denn wenn die wirklich ein halbes Jahr mit mir unterwegs sein wollen, wird es ja Winter. Wie soll ich denn da nen Berg raufkommen, wenn ich im Sommer schon schufte und schnaufe? Vielleicht sollte ich mich schonmal bei den Kollegen Pistenraupen schlaumachen. Irgendwie wird es schon gehen.
Svenni wartet in irgendeinem trostlosen Gewerbegebiet in Troyes, bis die drei vom Mittagessen in einer Betriebskantine zurückkommen.
Jetzt zumindest sind wir ganz offenbar gar nicht auf dem Weg zu Loire, da sind wir ja schon, sondern auf dem Weg zum Meer. Zumindest sagt das der Typ ständig zum kleinen W, „wir fahren jetzt ans Meer“, oder „ich zeigt dir das Meer“. Ja klar, ist auch auch schön dort. Kenn ich ja aus Holland und Korsika. Aber hoffentlich ist da nicht zu viel Salz, das brennt in den Schweißnähten!
Ausserdem soll es nach Portugal und Italien gehen, hab ich gehört. Ach, ich bin ja so gespannt. Und fit wie ein alter weitgereister Hase. Mach ich locker. Hab ja auch ganz viele neue Sachen bekommen. Solarstrom, Aussenherd, Dachgepäckträger, eine riesen Kühlbox, das alles kann ich jetzt auch. Da können diese modernen Vollintegrierten nicht gegen anstinken. Plastik kann jeder, so robust wie ich, macht so schnell keiner nach.  Wer nimmt schon einfach nen halben Kleiderschrank im Seesack auf den Buckel ohne zu murren?
Aussenkleiderschrank