Nennt mich Michel

Ein bisschen Urlaub hatte ich ja jetzt auch schon. Stand im Sand hinter den Dünen. Die waren ständig weg. Schwimmen oder so. Ich guck ja lieber, dass ich trockene Füße, äh Reifen hab. Bremst sich besser, rostet sich’s weniger.

Heute wurde ich dann endlich bepackt und durfte ein kleines Stück fahren. Und glaubt mir, ich bin jetzt gläubig und bekehrt.

Sobald ich wieder frei habe, suche ich mir nen Felsen. Im Meer. Oder vielleicht im Rhein, ist nicht so weit von zu Hause.

Da stell ich mich dann drauf und meditiere. Und es kommen ganz viele Leute vorbei, um mit mir rumzuhängen. Und dann bauen wir, den alten LT als Kern, neue Kisten um mich rum. Vielleicht Sprinter oder Crafter. Oder sogar so ein E-Schuckelschen oben drauf.

Und dann kommen noch mehr Leute um uns zu sehen. Und lassen ganz viel Geld da. Grabbeln den Fels zu uns hoch. Laufen durch unsere Eingeweiden und machen Selfies.

Moi, je suis Mont Saint Svenni, äh Michel.

Was? Ich kann dann als Ur-Fahrzeug in dem ganzen Berg nicht mehr fahren?

Nee, dann lassen wir das. Sollen andere auf Felsen einsiedeln.

Aber schön ist er schon, der Fels im Watt. So wie ich, der Fels der Autobahn.

Abgesoffen, und am Meer.

Heute nacht gab’s ne Dusche vom Feinsten. Ganz fieser Landregen. Und was machen meine drei Camperprofis an Board: Vergessen abends den ganzen Kram reinzuholen. Schönen Sauerei, Kleiderschrank, Kochgerät und sogar der Kinderwagen, alles nass. Zum Glück kam heute dann die Sonne raus, und alles ist wieder trocken. Nur den getrockneten Schlamm, der hängt an meinen Hinterbacken. Und die finden bestimmt noch in drei Wochen Reste davon im Innenraum.
Das beste war aber, dass ich fast abgesoffen bin. Eigentlich war die Wiese, auf der wir standen, wunderschön. Tolles Grün rundherum. Nur war die schöne Wiese nach dem Regen leider so matschig, dass ich beim Losfahren rumgerutscht bin wie ein Stück französische Seife auf glatten Kacheln. Hui, als wir da endlich raus waren, war die Wiese sauber umgepflügt. Leider gibt es kein Beweisfoto, es hat ja geregnet und der Typ hatte irgendwie schlechte Laune, weil er die Campingplatz-Chefin um Hilfe bitten musste. Die kannte ihren Platz aber recht gut, und hatte gleich zwei Gummimatten zur Hand. Mit denen unter den Hinterrädern, konnte ich dem Sumpf dann gerade noch entkommen. Wieder mal Glück gehabt, was man nicht alles erlebt, in seinen alten Tagen.
Unterwegs haben wir an der Kirche in Les Essarts gehalten. Nicht, um für den Regen zu danken, sondern um auf meinem Herd den Babybrei zu wärmen. Das mach ich gerne, es war mir ein Vergnügen, so lange die französische Gotik zu studieren.
Gefahren sind wir dann tatsächlich ans Meer. Wir stehen nun in Talmont-Saint-Hilaire. Ich konnte es zwar noch nicht sehen, weil hier alles mit diesen komischen Mobilhome-Hütten vollgestellt ist. Aber die drei waren vorhin weg und kamen glücklich wieder. Meer ist wundervoll.
Huch, die Sonne geht ja schon unter. Dann mal euch allen eine gute Nacht, ich klapp dann auch mal die Aussenspiegel ein.

Kinnerschees und Zeitreise.

Ey, ich hab die Pusteln im Gesicht.
Dass es am Rhein ganz schön ist, und es auch Schnaken gibt, das weiss ich ja schon. Wohne ja jetzt am schönen Rhein im nicht ganz so schönen Mainz. Die wollen Diesel wie mich verbieten. Pfui, Banausen!
Aber ich schweife ab. Seit drei Tagen stehe, und manchmal auch fahre, ich an der Loire. In Frankreich ist das, mittendrin. Und hier gibt es Mücken, das glaubt ihr nicht. Ich hab ja ein dickes Fell, aber die beiden sind dauernd völlig zerstochen. Das scheint ziemlich unangenehm zu sein. Die hüpfen sogar mitten in der Nacht mit der Fliegenklatsche in mir rum, dass mir die Blattfedern quietschen. Und als am Lac du Der so ne Hornisse in mich reingeflogen ist, war die Luft dicke. Und das Vieh dann irgendwann in ner Plastikflasche, mit ganz dünner Luft.
Aber das beste ist: Ich bin wieder Kinnerschees! Ja, das ist toll. Haben die beiden doch tatsächlich, als ich im Winterquartier im kalten Saarland stand, so einen süssen kleinen Knuddelpups bekommen. Hach, ist das schön, wieder Lachen im Bauch zu haben. W. heisst der Kleine. Wie Wonneproppen.
Soweit ich das verstanden habe, wollen die drei nun mit mir eine Zeitreise machen. Ich hör immer nur Elternzeit, und die scheint ganz schön lange zu sein. So ganz bekomm ich das noch nicht zusammen, denn wenn die wirklich ein halbes Jahr mit mir unterwegs sein wollen, wird es ja Winter. Wie soll ich denn da nen Berg raufkommen, wenn ich im Sommer schon schufte und schnaufe? Vielleicht sollte ich mich schonmal bei den Kollegen Pistenraupen schlaumachen. Irgendwie wird es schon gehen.

Svenni wartet in irgendeinem trostlosen Gewerbegebiet in Troyes, bis die drei vom Mittagessen in einer Betriebskantine zurückkommen.

Jetzt zumindest sind wir ganz offenbar gar nicht auf dem Weg zu Loire, da sind wir ja schon, sondern auf dem Weg zum Meer. Zumindest sagt das der Typ ständig zum kleinen W, „wir fahren jetzt ans Meer“, oder „ich zeigt dir das Meer“. Ja klar, ist auch auch schön dort. Kenn ich ja aus Holland und Korsika. Aber hoffentlich ist da nicht zu viel Salz, das brennt in den Schweißnähten!
Ausserdem soll es nach Portugal und Italien gehen, hab ich gehört. Ach, ich bin ja so gespannt. Und fit wie ein alter weitgereister Hase. Mach ich locker. Hab ja auch ganz viele neue Sachen bekommen. Solarstrom, Aussenherd, Dachgepäckträger, eine riesen Kühlbox, das alles kann ich jetzt auch. Da können diese modernen Vollintegrierten nicht gegen anstinken. Plastik kann jeder, so robust wie ich, macht so schnell keiner nach.  Wer nimmt schon einfach nen halben Kleiderschrank im Seesack auf den Buckel ohne zu murren?

Aussenkleiderschrank